Tiefengeothermie in Wien
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Wien Energie
Pilotprojekt Geothermie-Anlage „Hydros" Seestadt, Aspern
Wien gilt seit Jahren als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Um auch in Zukunft eine hohe Lebensqualität sicherzustellen und den Wiener:innen ein zukunftsfähiges Zuhause zu bieten, haben sich die Stadt Wien und die Wiener Stadtwerke das Ziel gesetzt, bis 2040 klimaneutral zu sein.
Ein zentrales Element auf diesem Weg zur Klimaneutralität ist die Wärmewende, denn etwa 30 Prozent der CO₂-Emissionen der Stadt entfielen im Mittel der Jahre 2014–2018 auf den Gebäudesektor, konkret auf Heizen, Kühlen und Warmwasserbereitung. Eine entscheidende Rolle kommt hier der Wien Energie zu: Sie versorgt rund 460.000 Haushalte und 8.000 Business-Kund:innen verlässlich mit Fernwärme. Das Besondere an diesem System ist, dass Wärmeerzeuger und Wärmeabnehmer durch ein über 1.300 Kilometer langes Warmwasserleitungsnetz miteinander verbunden sind – eines der größten Fernwärmenetze in Europa.
Was Wien wärmt
Derzeit stammt gut die Hälfte der Wiener Fernwärme aus erdgasbetriebenen Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (KWK). Zur Abdeckung von Lastspitzen kommen zusätzlich Heizkraftwerke (HWK) zum Einsatz. Rund ein Drittel der Fernwärme wird durch thermische Abfallverwertung bereitgestellt, der Rest durch industrielle Abwärme, Biomasse sowie Erd- und Umgebungswärme.
Bis 2040 plant Wien Energie, die Fernwärme vollständig zu dekarbonisieren. Bereits bis 2029 investiert das Unternehmen rund 800 Millionen Euro in nachhaltige Wärmeprojekte und Kreislaufwirtschaft. Doch technologische Umstellungen allein genügen nicht: Damit die Wärmewende einer Millionenstadt gelingt, braucht es die enge Zusammenarbeit zwischen Forschung, Industrie und öffentlicher Hand. Wie der Wandel konkret erfolgen kann, wurde in einer 2021 veröffentlichten und 2023 aktualisierten Dekarbonisierungsstudie dargelegt. Die Entwicklung der zukünftigen Fernwärmeaufbringung ist darin grafisch dargestellt (Abbildung 1).
Was daraus ersichtlich wird, ist, dass ein klimaneutrales Wiener Fernwärmesystem nur durch einen breit aufgestellten Technologiemix realisiert werden kann. Eine Schlüsseltechnologie stellen dabei Großwärmepumpen dar, welche die Abwärme von Abwasser und industriellen Prozessen nutzbar machen. Um Lastspitzen ausgleichen zu können, werden auch in Zukunft noch Kraftwerke benötigt. Diese sollen dann mit grünen Gasen wie Wasserstoff oder Biomethan klimafreundlich betrieben werden. Um kurzfristige und saisonale Bedarfsschwankungen zusätzlich abfedern zu können, setzt Wien Energie außerdem auf Wärmespeicher.
Eine neue, vielversprechende Rolle nimmt zukünftig die Tiefengeothermie ein. Als stabile, lokal verfügbare und emissionsfreie Energiequelle kann sie einen substanziellen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wärmeversorgung leisten und markiert zugleich einen Meilenstein auf dem Weg in eine fossilfreie Zukunft Wiens.
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Fördertest beim Projekt Tiefengeothermie Hydros in der Seestadt Aspern
Wärmeschatz in 3.000 Meter Tiefe
Wien verfügt über einen geologischen Standortvorteil, den es so in Europa nur selten gibt: Direkt unter der Stadt erstreckt sich ein natürliches und an menschlichen Zeitskalen gemessenes unerschöpfliches Heißwasservorkommen, aus dem verlässlich erneuerbare Energie für die Fernwärme gewonnen werden kann – ein bislang ungenutzter Wärmeschatz, 3.000 Meter unter den Füßen der Wiener:innen.
Bereits im Jahr 2012 wurde das tiefengeothermische Potenzial im östlichen Wiener Becken durch eine Tiefbohrung in Essling erstmals erkundet. Dabei stießen Geowissenschaftler:innen auf das sogenannte „Aderklaaer Konglomerat“ – eine vielversprechende Gesteinsschicht mit günstigen Voraussetzungen für die Nutzung von Tiefengeothermie. Damit wurde ein wichtiger Erfahrungsgewinn und somit entscheidender Grundstein für die Entwicklung gelegt.
In den Folgejahren, zwischen 2016 und 2022, führte Wien Energie gemeinsam mit Forschungseinrichtungen und Industriepartner:innen wie der OMV im Rahmen des Projekts „GeoTief“ die Untersuchungen der geologischen Strukturen im Großraum Wien fort. In enger Zusammenarbeit entstand dabei ein auf Seismik basiertes, hochauflösendes 3D-Modell des Wiener Untergrunds. Ein im Rahmen des Projekts durchgeführter Fördertest in der bestehenden Tiefbohrung bestätigte das geothermische Potential im „Aderklaaer Konglomerat“. Die Ergebnisse dieses Forschungsprojekts bilden heute die Entscheidungsgrundlage für den Einstieg in die geothermische Wärmeerzeugung, bei der ebendiese heißen Tiefenwässer über Förderbohrungen an die Oberfläche gepumpt werden. Über einen Wärmetauscher wird die geothermische Energie entzogen und diese Wärme direkt in das Wiener Fernwärmenetz abgegeben. Das abgekühlte Tiefenwasser wird anschließend wieder in einem geschlossenen Kreislauf in die ursprüngliche Gesteinsschicht zurückgeführt (siehe Abbildung 2).
Tiefengeothermie ist grundlastfähig – sie steht unabhängig von Tageszeit oder Wetter ganzjährig zur Verfügung und kann einen stabilen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten. Für Wien Energie war die frühe wissenschaftliche Auseinandersetzung mit diesem Potenzial entscheidend, um heute als Vorreiterin in die Umsetzung gehen zu können.
Erschließung des tiefengeothermischen Potenzials
Um dieses bedeutende geothermische Potenzial bestmöglich zu entwickeln, wurde 2023 das Gemeinschaftsunternehmen „deeep“ gegründet – ein Joint Venture von Wien Energie und OMV. Darin bündeln beide Firmen ihre jahrzehntelange Erfahrung und technologische Kompetenz in ihren jeweiligen Fachgebieten: Wien Energie betreibt eines der größten Fernwärmenetze Europas und verfügt über umfassendes Know-how in der Wärmeversorgung urbaner Räume. OMV wiederum bringt ihr umfassendes Untertagewissen sowie ihre Expertise in der Bohr- und Fördertechnik ein – insbesondere aus ihrer jahrzehntelangen Tätigkeit im nahegelegenen Weinviertel.
Ein wegweisender Meilenstein ist dabei die erste Tiefengeothermie-Pilotanlage in Aspern, mit deren Bohrungen im Dezember 2024 begonnen wurde. Das Projekt umfasst insgesamt drei Bohrungen: eine Pilotbohrung, um weitere geologische Daten zu gewinnen, eine Förderbohrung zur Produktion des heißen Formationswassers sowie eine Injektionsbohrung, über die das abgekühlte Wasser in einem geschlossenen Kreislauf wieder zurück in das Reservoir geleitet wird.
Die Bohrungen wurden Mitte 2025 erfolgreich abgeschlossen. Es folgen umfangreiche Fördertests, bei denen Temperatur, Fließrate und die chemische Zusammensetzung des geförderten Tiefenwassers überprüft werden. Basierend darauf beginnen Detailplanung und Bau der obertägigen Anlagen. Die Inbetriebnahme der Geothermie-Anlage Aspern ist für 2028 vorgesehen. Mit einer thermischen Leistung von 20 MW soll sie zukünftig rund 20.000 Wiener Haushalte klimaneutral versorgen und kann damit allein bis zu 54.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen.
Die Anlage in Aspern ist erst der Anfang: Bis in die 2030er-Jahre sollen weitere Geothermie-Anlagen folgen, die bis 2040 rund 200 MW thermisch und damit klimaneutrale Fernwärme für umgerechnet bis zu 200.000 Haushalte bereitstellen können. Damit leistet die Technologie nicht nur einen wesentlichen Beitrag zur Dekarbonisierung der Wiener Wärmeversorgung, sondern erhöht zugleich die Versorgungssicherheit und stabilisiert langfristig die Preise. Um das Potenzial rasch zu heben, sind alle Akteure – von der Politik bis zu den Umsetzern – gefragt, Maßnahmen zu setzen, die zu einfacheren Genehmigungsverfahren führen.
Die Erschließung der Tiefengeothermie markiert einen historischen Meilenstein für Wien. Sie ist ein Zukunftsprojekt mit Weitblick – für den Klimaschutz, für eine unabhängige Energieversorgung und für ein leistbares Leben in einer Stadt, die auf Nachhaltigkeit setzt.






