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Pflege unter Druck

Was der demografische Wandel für Gemeinden und ihre Budgets bedeutet.

Von Ulrike Famira-Mühlberger, WIFO | erstellt am

Der steigende Pflegebedarf stellt Länder und Gemeinden vor große finanzielle und organisatorische Herausforderungen. Prävention, professionelle Pflegeangebote und langfristige Finanzierungsstrategien werden immer wichtiger.

Der steigende Pflegebedarf stellt Länder und Gemeinden vor große finanzielle und organisatorische Herausforderungen. Prävention, professionelle Pflegeangebote und langfristige Finanzierungsstrategien werden immer wichtiger. © Getty Images / zur Verfügung gestellt von Bohmann Verlag

Die österreichische Bevölkerung altert – und damit steigt auch der Bedarf an Langzeitpflege deutlich. Projektionen des WIFO zeigen, dass sich der Pflegebedarf in den kommenden Jahrzehnten nahezu verdoppeln könnte. Für Länder und Gemeinden bedeutet dies nicht nur wachsenden Finanzierungsdruck, sondern auch einen erheblichen Bedarf an zusätzlichen Pflegeplätzen, mobilen Diensten und qualifiziertem Personal. Wie stark die Belastung tatsächlich ausfällt, hängt allerdings wesentlich davon ab, wie gesund die Bevölkerung altert und wie frühzeitig Pflegepolitik und Finanzierung auf die demografische Entwicklung reagieren.

Demografischer Wandel

Der demografische Wandel gehört zu den größten Herausforderungen für die österreichischen Sozial-und Gesundheitssysteme. Die Zahl älterer Menschen nimmt zu, gleichzeitig steigt die Lebenserwartung. Damit wächst auch die Zahl jener Personen, die im hohen Alter Unterstützung im Alltag oder Pflege benötigen.

Für Gemeinden und Länder ist diese Entwicklung besonders relevant. Während das Pflegegeld vom Bund finanziert wird, werden Pflege-und Betreuungsdienste wesentlich auf Ebene der Länder und Gemeinden organisiert und mitfinanziert. Steigt der Pflegebedarf, schlägt sich dies daher unmittelbar in einem höheren Bedarf an regionalen Pflegeleistungen und damit auch in den öffentlichen Haushalten nieder.

Neue WIFO-Projektionen auf Basis dynamischer Mikrosimulationsmodelle zeigen, welche Größenordnungen langfristig zu erwarten sind. Anders als klassische Projektionen, die im Wesentli-chen die heutige Pflegewahrscheinlichkeit nach Altersgruppen auf die künftige Bevölkerungsstruktur übertragen, berücksichtigen diese Modelle auch Veränderungen bei Lebenserwartung, Gesundheit, Bildung und Familienstrukturen. Dadurch lassen sich unterschiedliche Entwicklungspfade vergleichen und politische Handlungsmöglichkeiten besser abschätzen. 

Pflegegeldausgaben könnten sich mehr als verdoppeln

Besonders deutlich werden die Auswirkungen am Beispiel des österreichischen Pflegegeldes. Im Basisszenario steigen die Pflegegeldausgaben für Personen ab 65 Jahren von rund 2,3 Mrd. Euro im Jahr 2018 (Basisjahr der Berechnungen) auf rund 5,7 Mrd. Euro im Jahr 2080 – jeweils zu konstanten Preisen. Das entspricht einem Zuwachs von rund 144 Prozent.

Parallel dazu steigt die Zahl der Pflegegeldbezieher:innen ab 65 Jahren von etwa 353.000 auf rund 854.000 Personen. Besonders kräftig fällt der absolute Ausgabenzuwachs in den mittleren Pflegegeldstufen aus.

Entscheidend für die öffentliche Finanzplanung ist dabei, dass dieser Anstieg keineswegs gleichmäßig verläuft. Nach zunächst vergleichsweise moderater Entwicklung beschleunigt sich das Wachstum ab Ende der 2020er-Jahre. Besonders stark steigt der Finanzierungsbedarf zwischen etwa 2042 und 2057, wenn die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge zunehmend ein Alter erreichen, in dem Pflegebedürftigkeit häufiger auftritt. Danach flacht die Entwicklung vorübergehend etwas ab.

Für die Budgetplanung heißt das: Ein beträchtlicher Teil der zusätzlichen Nachfrage wird bereits innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte wirksam.

Langzeitpflege-Bedarf steigt

Die Projektion der Pflegegeldausgaben zeigt allerdings nur einen Teil der finanziellen Herausforderung. Für Gemeinden ist vor allem entscheidend, welche Leistungen hinter dem steigenden Pflegebedarf stehen.

Pflege findet in Österreich im Wesentlichen in unterschiedlichen Formen statt: durch An-und Zugehörige, mobile Dienste, 24-Stunden-Betreuung oder stationäre Pflegeeinrichtungen. Das österreichische Pflegesystem verfügt im internationalen Vergleich über relativ gut ausgebaute formelle Pflegeangebote. Gleichzeitig spielt die informelle Pflege durch Partner:innen, Kinder und andere An-und Zugehörige weiterhin eine zentrale Rolle. Schon heute bestehen zudem Personalengpässe im professionellen Pflegebereich. Die Projektionen zeigen, dass der quantitative Bedarf an Pflegedienstleistungen in Österreich bis 2080 nahezu doppelt so hoch sein könnte wie 2018. Unter der Annahme, dass die heutige Zusammensetzung der Versorgung im Wesentlichen bestehen bleibt, müsste daher auch das Angebot an Pflegeleistungen massiv ausgeweitet werden.

Gerade hier liegt die kommunale Dimension der Entwicklung. Ein zusätzlicher Pflegebedarf bedeutet nicht nur höhere Transfers oder Geldleistungen. Er bedeutet zusätzliche Plätze in Pflege-heimen, mehr mobile Dienste, Tagesbetreuung, betreute Wohnformen, Beratung sowie eine ausreichende Zahl an Pflege-und Betreuungskräften.

Dazu kommen Investitionen in Gebäude und Infrastruktur. Werden zusätzliche Kapazitäten erst geschaffen, wenn Engpässe bereits sichtbar sind, kann es aufgrund langer Planungs-und Ausbildungszeiten zu erheblichen Versorgungslücken kommen.

Angehörigenpflege kann zusätzlichen Bedarf nicht auffangen

Eine häufige Hoffnung besteht darin, einen größeren Teil der Pflege weiterhin innerhalb der Familien abzudecken. Die Simulationen zeigen jedoch deutliche Grenzen dieser Strategie.

Eine höhere Lebenserwartung führt zwar dazu, dass Partnerschaften länger bestehen und Partner:innen grundsätzlich länger Pflege übernehmen können. Dennoch reicht dieser zusätzliche Beitrag bei Weitem nicht aus, um den gesamten erwarteten Zuwachs des Pflegebedarfs zu kompensieren. Auch unter günstigen Annahmen kann zusätzliche Partnerpflege nur einen kleinen Teil der entstehenden Versorgungslücke schließen.

Hinzu kommen gesellschaftliche Veränderungen: Familien werden kleiner, Kinderlosigkeit nimmt zu und erwachsene Kinder leben häufiger räumlich getrennt von ihren Eltern. Gleichzeitig steigt die Erwerbsbeteiligung von Frauen – also jener Gruppe, die traditionell einen besonders großen Teil der informellen Pflege übernommen hat.

Für die öffentliche Hand ist deshalb davon auszugehen, dass künftig ein größerer Teil des steigenden Pflegebedarfs durch professionelle Angebote abgedeckt werden muss.

Gesünderes Altern kann viel bewirken

Die Projektionen sind jedoch kein unveränderliches Schicksal. Besonders groß sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Annahmen über die gesundheitliche Entwicklung älterer Menschen.

Im Basisszenario steigen die Pflegegeldausgaben bis 2080 auf etwa 5,7 Mrd. Euro. Wird dagegen angenommen, dass Pflegebedürftigkeit durch ein gesünderes Altern zunehmend später im Lebensverlauf eintritt, beträgt das projizierte Ausgabenvolumen nur rund 3,4 Mrd. Euro. Gegenüber 2018 wäre dies ein Anstieg um etwa 45 Prozent und damit wesentlich weniger als im Basisszenario.

Das zeigt die enorme Bedeutung von Prävention. Maßnahmen, die funktionelle Einschränkungen verhindern oder zeitlich nach hinten verschieben, wirken langfristig auch auf die Pflegebudgets. Dazu gehören etwa Bewegungsförderung, Prävention chronischer Erkrankungen, Rehabilitation und Maßnahmen zur Erhaltung der Selbstständigkeit im Alter.

Auch Bildung spielt eine Rolle. Menschen mit höherem Bildungsniveau weisen im Durchschnitt einen geringeren Pflegebedarf auf. Der langfristige Anstieg des Bildungsniveaus in der österreichischen Bevölkerung wirkt daher bereits heute dämpfend auf die projizierten Kosten. Ohne diesen Effekt würden die Pflegegeldausgaben 2080 in der Simulation bei nahezu 6,5 Mrd. Euro liegen – also rund 800 Mio. Euro über dem Basisszenario.

Was bedeutet das für kommunale Budgets?

Aus kommunaler Sicht lassen sich daraus mehrere Schlussfolgerungen ableiten.

Erstens braucht Pflegepolitik einen langen Planungshorizont. Demografische Entwicklungen sind relativ gut vorhersehbar. Gemeinden und Länder wissen daher schon heute, in welchen Zeiträumen der Bedarf besonders stark steigen wird. Diese Informationen sollten systematisch in mittelfristige und langfristige Finanz-und Infrastrukturplanungen einfließen.

Zweitens wird es nicht genügen, bestehende Strukturen proportional zu vergrößern. Der Ausbau professioneller Pflegekapazitäten erfordert gleichzeitig eine Personalstrategie. Zusätzliche Pflegeplätze ohne ausreichend qualifizierte Mitarbeiter:innen lösen das Versorgungsproblem nicht.

Drittens können Mobile Dienste, Tageszentren, betreute Wohnformen und präventive Angebote dazu beitragen, Selbstständigkeit länger zu erhalten und stationäre Pflege hinauszuschieben. Gerade für Gemeinden können solche Angebote eine wichtige Rolle spielen, weil sie wohnortnah organisiert werden können. Dennoch ist der Ausbau von stationären Einrichtungen eine Notwendigkeit.

Viertens muss die Finanzierung stärker langfristig gedacht werden. Die WIFO-Projektionen machen sichtbar, dass es sich bei den steigenden Pflegeausgaben nicht um eine kurzfristige konjunkturelle Belastung handelt, sondern um eine strukturelle Folge der Alterung. Damit stellt sich auch die Frage, wie die zusätzlichen Lasten künftig zwischen Bund, Ländern und Gemeinden verteilt werden.

Aus den Projektionsergebnissen lässt sich ableiten, dass langfristige Finanzierungsstrategien, systematische Ausbaupläne für professionelle Pflegekapazitäten sowie eine Verbindung von Pflege-, Gesundheits-, Bildungs-und Personalpolitik unumgänglich sind.

Ulrike Famira-Mühlberger ist Ökonomin und stellvertretende Leiterin am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO.

Ulrike Famira-Mühlberger ist Ökonomin und stellvertretende Leiterin am Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO. © Alexander Mueller