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Das Wiener Klimabudget

Wie Österreichs Hauptstadt Klimaschutz und Budgetplanung verzahnt – ein innovatives Steuerungsinstrument auch für andere Gemeinden

Von Philipp Sindelar mit Unterstützung der WienKI | erstellt am

Wien investiert in Klimaschutz: Der Nelson-Mandela-Platz im 22. Bezirk vor dem Verkehrsknotenpunkt Aspern Nord bietet schattige Aufenthaltsbereiche mit 75 neuen Bäumen und rund 2.000 m2 Grünflächen sowie bunten Gräserbeeten.

Wien investiert in Klimaschutz: Der Nelson-Mandela-Platz im 22. Bezirk vor dem Verkehrsknotenpunkt Aspern Nord bietet schattige Aufenthaltsbereiche mit 75 neuen Bäumen und rund 2.000 m2 Grünflächen sowie bunten Gräserbeeten. © Stadt Wien/Christian Fürthner

Wien betrachtet Klimaschutz nicht als Kostenfaktor, sondern als eine Investition in die Zukunft. Im Jahr 2026 investiert die österreichische Hauptstadt deshalb trotz angespannter Haushaltslage rund 1 Milliarde Euro ressortübergreifend in Projekte für Klima, Umwelt und Daseinsvorsorge. Das Wiener Klimabudget ist Beispiel dafür, wie Gemeinden diese Rechnung aufstellen können. Damit hat Wien nach Vorbild der Stadt Oslo ein Instrument geschaffen, das Klimaschutz und Finanzplanung verzahnt – zahlreiche andere Städte weltweit teilen diesen Ansatz. Das Klimabudget zeigt, wie Klimaneutralität 2040 nicht nur eine Zielsetzung bleibt, sondern verbindlich, transparent und wirtschaftlich umgesetzt wird.

Überblick

Das Wiener Klimagesetz (2025) verankert die Klimaneutralität der Stadt bis 2040 rechtlich und macht Klimaschutz, Klimaanpassung und Kreislaufwirtschaft zu verbindlichen Zieldimensionen.

Das Klimabudget ist eine Sammlung priorisierter Klimamaßnahmen. Es wird jährlich im Anhang des Voranschlags sowie rückblickend im Rechnungsabschluss veröffentlicht. Im Voranschlag 2026 umfasste das Wiener Klimabudget 190 Maßnahmen und rund 270 Mio. € Investitionsvolumen magistratsintern; zusätzlich erfasst werden 80 Maßnahmen der Unternehmungen (z. B. Wiener Wohnen) und Unternehmen (z. B. Wiener Stadtwerke) im Eigentum der Stadt Wien in Höhe von rund 730 Mio. €. Dabei handelt es sich nicht um ein zusätzliches Budget, sondern eine Priorisierung im Rahmen der bestehenden Budgetmittel.

„Das Klimabudget ist kein Add-on, sondern ein integraler Bestandteil unserer Budgetplanung. Es zeigt: Klimaschutz ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit – und er rechnet sich“, betont Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorszky.

Wie funktioniert das Wiener Klimabudget?

Das Wiener Klimabudget ist ein verwaltungsinternes Steuerungsinstrument und folgt einem jährlichen Zyklus, parallel zur Erstellung des Voranschlags der Stadt. Im Mittelpunkt stehen stadtinterne Schwerpunkte, die Expert:innen und Dienststellen für die treibhausgasintensivsten Sektoren erarbeiten. Diese dienen Verwaltungseinheiten als inhaltliche Leitplanken für die Maßnahmenplanung und reichen von „Thermisch-energetische Sanierung von Gebäuden im Einflussbereich der Stadt Wien umsetzen“ bis zu „Rechtliche und strategische Rahmenbedingungen für die Dekarbonisierung von Industrie und Gewerbe prüfen“. Sie werden von der Wiener Steuerungsgruppe Klimaangelegenheiten (alle amtsführenden Stadträt:innen unter Vorsitz des Bürgermeisters) vorgegeben und regelmäßig aktualisiert.

„Die Stadt Wien setzt ihre Mittel gezielt und konsequent ein, um die Klimaziele zu erreichen – und schafft damit einen verlässlichen Rahmen für die Wiener Wirtschaft. Klare Ziele und ein transparenter Kurs geben unseren Unternehmen Planungssicherheit für Investitionen und Innovationen. Wer heute in klimafitte Technologien und Geschäftsmodelle investiert, stärkt damit nicht nur den Klimaschutz, sondern auch seine eigene Wettbewerbsfähigkeit“, betont Wiens Vizebürgermeisterin und Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak. „Unsere Wirtschaft lebt von der Innovationskraft und dem Unternehmergeist der Wiener Betriebe. Deshalb ist es wichtig, dass Stadt und Wirtschaft an einem Strang ziehen. Wien schafft damit Verlässlichkeit für Unternehmen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit unseres Wirtschaftsstandorts.“ Klimabudget-Koordinator:innen in jedem Ressort fungieren als zentrale Informationsdrehscheiben. Sie vernetzen Dienststellen, Budgetkoordination jedes Ressorts und die Bereichsleitung für Klimaangelegenheiten als magistratsweite Koordinationseinheit. Diese Kolleg:innen unterstützen bei der Priorisierung von Maßnahmen nach Klimawirkung und Wirtschaftlichkeit und stehen als Ansprechpersonen für Rückfragen zur Verfügung.

Erfolgsfaktoren & Herausforderungen

Das Wiener Klimabudget bewährt sich insbesondere durch drei Erfolgsfaktoren:

  1. Partizipation

    Die strukturierte Einbindung von Dienststellen stellt sicher, dass die Fachexpert:innen der Stadt Klimaschutz als Querschnittsthema behandeln. Die Klimabudget-Koordinator:innen fungieren dabei als Drehscheiben für Informationen und fördern den Dienststellen übergreifenden Austausch zwischen den Beteiligten.

    „Das Wiener Klimabudget lebt von der vernetzten Zusammenarbeit im Magistrat“, so Wiens Bereichsleiter für Klimaangelegenheiten, Andreas Januskovecz. „Klima ist eine Querschnittsmaterie. Es ist wichtig, dass sich alle städtischen Einheiten damit auseinandersetzen, wie sie dazu beitragen können, Wiens Klimaziele zu erreichen. Neben eigener Schulungs-und Vernetzungsformate rund ums Klima gibt es in Wien deshalb Steuerungsinstrumente wie das Klimabudget, die sicherstellen, dass etwaige Klima-Effekte bei Projektplanungen von Beginn an mitgedacht werden.“

  2. Datenbasis

    Wiens Treibhausgas-Bilanzierung erfolgt nach internationalen Standards (dem sogenannten GPC – Global Protocol for Community-Scale Greenhouse Gas Emission Inventories – Standard). Zudem werden nationale Daten (u. a. die Bundesländer Luftschadstoff-Inventur des Umweltbundesamts) verwendet. Auf dieser Basis wird der Handlungsbedarf der gesamten Stadt in Richtung Klimaneutralität bis 2040 regelmäßig ermittelt. Eine große Herausforderung liegt in der Messbarkeit von Klimamaßnahmen. Dazu verfolgt der Wiener Klimabudget-Prozess einen pragmatischen Ansatz: Einerseits werden praxisorientierte Bewertungskoeffizienten für das CO2-Einsparpotenzial von Maßnahmen verwendet. Andererseits werden auch nicht quantifizierbare und unterstützende Maßnahmen gesammelt, um einen ganzheitlichen Überblick zu gewährleisten.

  3. Lernfähigkeit

    Die stadtinternen Schwerpunktsetzungen werden regelmäßig überprüft und bei neuen Erkenntnissen angepasst. Auch die methodische Erweiterung des Klimabudget-Prozesses wird regelmäßig geprüft. Damit Mitarbeiter:innen der Stadt klimarelevante Maßnahmen im eigenen Fachbereich erkennen und umsetzen können, gibt es ein breites Angebot an E-Learnings, Schulungen, Workshops und Webinaren zur Stärkung der Klimakompetenz.

Klimaschutz als Wettbewerbsvorteil

Wien ist als Bundesland und aufgrund seiner Größe in einer Sonderposition mit zusätzlichen Kompetenzen und der Möglichkeit, Skaleneffekte zu nutzen (z. B. bei der Fernwärme). Doch das Klimabudget lässt sich an kleinere Gemeinden anpassen. Der Schlüssel liegt in der Modularität des Prozesses und der Priorisierung von relevanten Maßnahmen für die jeweilige Gemeinde. Schwerpunkte können lokal an den spezifischen Gestaltungsmöglichkeiten ausgerichtet formuliert werden. Wichtig ist, dass die Entscheidungsträger:innen rechtzeitig im Budgetprozess eine kompakte Zusammenfassung darüber haben, in welchen Bereichen Budgetmittel aus Klimasicht priorisiert werden sollen.

Das Wiener Klimabudget zeigt: Klimaschutz und Budgetdisziplin sind kein Widerspruch. Verbindliche Ziele, ein transparenter Prozess und eine datenbasierte Bewertung ersetzen keine Umsetzung von Maßnahmen, können jedoch die Priorisierung bei begrenzten Budgetmitteln erleichtern. Durch langfristige Einsparungen und effiziente Mittelverwendung rechnen sich Investitionen in den Klimaschutz mitunter auch finanziell. Im Hinblick auf Unsicherheit und Preisdruck bei fossilen Energieträgern sowie steigende Belastungen durch Extremwetterereignisse (Starkregen, Hitze) zeigt sich zudem: Die Kosten des Nicht-Handelns können wir uns nicht leisten. Denn jeder priorisierte Euro fürs Klima ist gleichzeitig auch eine Priorisierung für mehr Lebensqualität für die Menschen.

Vizebürgermeisterin und Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak

Vizebürgermeisterin und Wirtschaftsstadträtin Barbara Novak © Stadt Wien/David Bohmann